Bundespolizeiseelsorge evangelisch

Streitet euch!

Seit Wochen, wenn nicht sogar seit Jahren beschäftigt mich der „Streit“.  Ehestreit, Erbschaftsstreit, Familienstreit, Expertenstreit, Gerichtsstreit, Glaubensstreit, Kopftuchstreit, Nachbarschaftsstreit, Regierungsstreit… Es vergeht keine Nachrichtenmeldung, kein Konfliktgespräch, wo nicht vom Streit die Rede ist. Da streiten Staaten und Parteien miteinander, z.B. um den Umgang mit den Migrationsströmen. Da streiten Familien oder Paare um den richtigen Weg miteinander. Da streiten Gesellschaften um Religionen und Tradition, was dazu gehören sollte und was nicht. Da streitet man in den christlichen Kirchen um Homosexualität und das gemeinsame Feiern des Abendmahls. Und gerade im Sommerurlaub, den viele jetzt gerade haben, ist psychologisch gesehen eine Zeit mit hohem Potential für Streit untereinander, obwohl es eigentlich eine Zeit der Gemeinsamkeit und der Erholung sein soll. So gibt es Zeiten, in denen es mich reizt, am Streit mitzumachen und Zeiten, wo ich vom Streit nichts mehr hören kann und will. Ist Streiten nun eher etwas Negatives oder Positives im Miteinander? Die Antwort muss wohl jeder selbst finden. Und es hängt wohl auch daran, wie miteinander gestritten wird. Über die richtige Streitkultur kann man vieles lesen und hören. Auch in der Bibel geht es nicht ohne Streit ab. Da streiten nicht nur Menschen untereinander, sondern auch Gläubige mit ihrem Gott. Und dann finde ich manchmal sogar paradoxe Antworten. Als z.B. die Jünger Jesu stritten, wer von ihnen der Größte im Himmelreich sei, da setzte Jesus sich nieder und sprach zu ihnen: „Wenn einer der erste sein will, so soll er der letzte von allen und aller Diener sein.“

Streit gehört also zum Leben, zum Glauben und zur Politik. Nicht immer aber löst sich Streit in Verständnis auf. Manchmal müssen „Streithähne“ auch anerkennen, dass ihre Ideale und Überzeugungen nicht zu versöhnen sind. Trotzdem kann dieser Streit produktiv sein, wenn sie lernen, die Haltung des anderen zu akzeptieren, selbst wenn sie sie falsch finden. Das ist schwer genug und kann doch echte Toleranz und Sachlichkeit fördern. Streitet Euch – aber auf richtige Art und Weise! Denn nur wenn wir unsere Argumente aneinander schärfen, können wir uns weiterentwickeln!

(Wolfram Schmidt, Bundespolizeipfarrer in Pirna)